Sprachverarbeitung bei Legasthenikern

Der „mediale Kniehöcker“ ist ein Teil des Zwischenhirns. Er verhält sich bei Legasthenikern in der Sprachverarbeitung anders als bei Menschen ohne Lese- und Rechtschreibschwäche.

Fast zufällig stieß die Gehirnforscherin Katharina von Kriegstein vom Max-Planck-Institut für Kognition und Neurowissenschaften in Leipzig auf ein Phänomen, das Legastheniker vermissen. Sie hat untersucht, welche Gehirnregionen bei der Verarbeitung von Sprache beansprucht werden. Das Ergebnis: Der mediale Kniehöcker ist besonders aktiv, bei Legasthenikern allerdings nicht.

Was ist und was tut der „mediale Kniehöcker“?
Das Corpus geniculatum mediale, so der Fachbegriff, leitet Hörimpulse im Gehirn weiter – ungefiltert, wie man vermutete. Wichtig, so Kriegstein, sei der Kniehöcker aber vor allem für das akustische Verstehen: Wenn jemand etwas sagt, so können wir bereits vorausahnen, welche die nächsten Laute des ausgesprochenen Wortes sein werden. Sagt also jemand das Wort „Maus“, so reicht es, den Wortteil „Mau…“ zu hören, um zu ahnen, dass damit „Maus“ gemeint ist. Wir ergänzen also den nächsten Laut bzw. die nächsten Laute, ohne ihn oder sie noch gehört zu haben. Kriegstein fand heraus, dass Legastheniker diese Fähigkeit des Vorausahnens nicht haben.

Was folgt daraus für das Legasthenie-Training?
Bei Legasthenikern verhält sich also der mediale Kniehöcker in der Sprachverarbeitung anders als bei Menschen ohne Lese- und Rechtschreibschwäche. „Dabei ist sogar ein Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der Legasthenie und den Reaktionen im Gehirn zu beobachten“, erklärt Kriegstein. Bei Legasthenikern sei diese Region des Gehirns nur wenig aktiv.
Deshalb versuchen Kriegstein und ihr Team, die Hörfähigkeiten von Legasthenikern zu verbessern. Sie wollen herausfinden, ob sich die betroffene Gehirnregion verändert und die Hörleistung besser wird. Die Forschungsergebnisse zeigen also, dass das Legasthenie-Training nicht nur auf dem Papier stattfinden, sondern auch akustische Reize einsetzen sollte.

Der Podcast „Wenn Buchstaben verschwimmen“ zum Nachhören.